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Igel

Erinaceus europaeus

Vorwarnliste, gefährdet durch Mähroboter, Straßenverkehr, Pestizide

Besonders geschütztRote Liste DE: VSäugetiere
Igel
(c) Stephan Mende, some rights reserved (CC BY)

Der Igel ist die mit Abstand häufigste Anfrage in der Artenschutzberatung am Privatgarten — und gleichzeitig ein dramatischer Indikator für den Zustand unserer Siedlungsräume. Was viele nicht wissen: Trotz seiner offensichtlichen Häufigkeit in vielen Gärten wurde der Igel 2020 in Bayern und 2024 deutschlandweit auf die Vorwarnliste der Roten Liste gesetzt — die Bestände sind in den letzten 25 Jahren um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Hauptursachen: Mähroboter, die ihn zerschneiden, eingezäunte Reihenhausgärten ohne Durchgänge, lückenlos versiegelte Hofflächen, Pestizide und Schneckenkorn, sowie der Klimawandel mit warmen Wintern, die seine Energiereserven aufzehren. Der Igel ist nach Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt — sein Quartier zu zerstören ist artenschutzrechtlich nicht zulässig. Bei Gartenumgestaltungen, Heckenrodung oder Erdarbeiten muss aktiv nach Igel-Quartieren gesucht werden, vor allem in der Winterruhe von November bis März.

Art-Atlas

Was Sie über den Igel wissen müssen

Lebensweise, betroffene Bauvorhaben, optimale Bauzeitfenster und konkrete Schutzmaßnahmen — verifiziert aus Fachliteratur und Praxis.

Lebensweise

Streng nachtaktiv, Aktionsradius pro Nacht 1 bis 5 ha bei Männchen, weniger bei Weibchen. Tagsüber in selbst gebauten Tagesnestern aus Laub und trockenen Pflanzenteilen versteckt. Winterruhe von November bis März in deutlich aufwändigeren Winternestern. Lebenserwartung in der Natur 2–4 Jahre, im Gartenrevier länger.

Nahrung

Käfer, Larven, Regenwürmer, Tausendfüßer, Spinnen, gelegentlich Schnecken, Vogeleier, Aas. Kein Obst, keine Milch — entgegen weit verbreiteter Annahme. Bei Notfällen Katzennassfutter oder spezielles Igelfutter.

Verbreitung in Deutschland

In ganz Deutschland flächendeckend, von der Küste bis in die mittleren Lagen der Mittelgebirge. Höhere Dichten in strukturreichen Siedlungsgebieten als in der ausgeräumten Agrarlandschaft.

Relevante Gebäudestrukturen

Igel nutzen vielfältige Strukturen im Siedlungsbereich: dichte Hecken, Gebüsche, Holzstapel, Komposthaufen, Schuppen und Gartenhäuser. Auch Hohlräume unter Terrassen oder in naturnahen Gartenecken dienen als Unterschlupf und Nistplatz. Wichtig sind Verstecke für Tagesschlaf und Winterschlaf.

Bau-Risiko

Bauvorhaben mit Konflikt-Risiko

  • Mähroboter im Nachtbetrieb
  • Geschlossene Zäune ohne Igeltore
  • Versiegelung von Hofflächen
  • Heckenrodung im Winterhalbjahr
  • Verfüllung von Reisighaufen
  • Schneckenkorn und Pestizide
  • Lichtschächte als Fallen
  • Kellertreppen ohne Aufstiegshilfen

Optimales Bauzeitfenster

Nur eine schmale Lücke: Mai bis Juni, also nach Ende der Winterruhe und vor der Hauptaufzuchtphase ab Juli. Erdarbeiten und Heckenrodung in der Winterruhe (November bis März) und der Aufzuchtzeit (Juli bis September) sind kritisch.

Anzeichen am Gebäude

Schmatzende Geräusche und schnaufendes Atmen in lauen Sommernächten. Spuren-Funde am Morgen: kleine schwarze, zigarettenförmige Köttel, oft mit glitzernden Käferflügeln. Tagesnester aus Laub unter Hecken, Gartenhütten, Komposten. Frische Igelfunde am Tag sind in der Regel ein Notfall (krank, verletzt, verwaist).

Bestand & Trend

Der Igel steht in Deutschland auf der Roten Liste in der Kategorie 'V Vorwarnliste'. Der Bestand ist rückläufig, genaue Zahlen sind schwer zu erfassen. Hauptursachen sind Lebensraumverlust, Zerschneidung der Lebensräume und der Einsatz von Pestiziden in Gärten und der Landwirtschaft.

CEF-Maßnahmen & Nisthilfen

Strategie

Erhalt und Neuanlage strukturreicher naturnaher Gartenräume mit Heckenstrukturen, Hochstaudensäumen und Wildkrautecken. Anlage von Igelhäusern oder strukturreichen Reisig- und Laubhaufen. Sicherung der Vernetzung durch Igeltore in Zäunen und Mauern (mind. 13 × 13 cm Durchlass). Verzicht auf Mähroboter im Nachtbetrieb sowie auf Pestizide und Schneckenkorn. Nahrungsangebot durch insektenfreundliche Bepflanzung sichern.

Empfohlene Nisthilfen-Typen
Igelhaus aus Holz
wetterfestes Tagesnest mit gutem Mikroklima

Holzhaus mit Eingangstunnel von 10 × 10 cm gegen Katzen, Innenraum 30 × 30 cm, Boden mit Bodenabstand 5 cm, abnehmbarer Deckel zur Reinigung, Belüftung

Reisig- und Laubhaufen
natürlichste Variante, multifunktional

Locker geschichteter Haufen aus Ästen, Reisig und trockenem Laub auf bodenfeuchtem Untergrund, mind. 2 m Durchmesser und 50 cm hoch, halbschattig, ungestört

Wildhecke mit dichtem Saum
dauerhafter Lebensraum mit Versteckmöglichkeiten

Strukturierte Wildhecke aus heimischen Sträuchern (Schlehe, Weißdorn, Hasel), mind. 30 m lang und 2 m breit, mit Fallllaub-Saum

Igeltor / Garten-Vernetzung
sichert die Wanderkorridore zwischen Revieren

Mind. 13 × 13 cm große Durchlässe in Zäunen und Mauern alle 10 m — entscheidend für genetischen Austausch und Reviergröße

Maße

Igelhaus innen mind. 30 × 30 × 25 cm, Eingang 10 × 10 cm, Eingangstunnel mind. 30 cm. Reisighaufen mind. 2 m Durchmesser. Igeltore mind. 13 × 13 cm.

Platzierung

Igelhaus halbschattig in Hecken oder unter Gebüsch, Eingang nach Südosten, vor Regen geschützt. Reisighaufen ungestört, nicht direkt am Hauptweg. Igeltore alle 10 m im Zaun, mehrere Gärten verbinden — Vernetzung ist alles.

Aus der Praxis

Wie Sanierungen mit Igel-Brutplatz gelöst wurden

Köln-Sülz· 2023

Wohnblock-Quartier wird igelfreundlich

Ausgangslage

In einem 18-Häuser-Block waren Igel früher allgegenwärtig, aber seit Einbau lückenloser Stabmattenzäune und gepflasterter Vorgärten verschwanden sie binnen 5 Jahren völlig.

Maßnahme

Gemeinschaftliche Aktion mit Schnitt von 24 Igeltoren in Zäunen, Anlage von 8 Reisighaufen in den Gärten, Aufstellung von 6 Igelhäusern, Mähroboter-Verbot im Nachtbetrieb durch Hausordnung.

Ergebnis

Im zweiten Sommer waren wieder mind. 4 Igel im Quartier nachweisbar, im dritten Sommer dokumentierte ein Wildkamera-Monitoring 3 Jungtiere.

Lehre

Vernetzung schlägt Einzelgartenmaßnahme — ein Igelhaus in einem isolierten Garten nützt nichts.

Vollständige Dokumentation →
München-Trudering· 2024

Mähroboter-Tragödie und Wende

Ausgangslage

Eine Reihenhaussiedlung verzeichnete in einem Sommer 7 schwer verletzte Igel durch Mähroboter, davon 4 verstorben. Die Bewohner reagierten geschockt.

Maßnahme

Hausordnung mit verbindlichem Mähroboter-Stopp 18 Uhr bis 9 Uhr, Anlage von 5 Reisighaufen, Igeltore in allen Zäunen, Schneckenkorn-Verbot, Aufklärungs-Plakat.

Ergebnis

In der Folgesaison keine einzige Igelverletzung mehr durch Mähroboter, drei dokumentierte Igelfamilien im Quartier.

Lehre

Mähroboter sind die Hauptursache des Igelrückgangs — die Lösung ist eine simple Zeitsteuerung.

Vollständige Dokumentation →
Quellen & Weiterführende Informationen
Vorkommen

Wo der Igel in deutschen Großstädten lebt

Top-12 Städte (≥100.000 Einwohner) im Verbreitungsgebiet. Klicken Sie auf eine Stadt für lokale Pflichten, Förderungen und passende Lösungen.

Atlas-Blog

Atlas-Beiträge zum Igel

Hintergrund-Artikel und Praxis-Hinweise zum Igel.

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